Über mich

Wer schreibt hier eigentlich

Über mich!?

Was sollte ich denn über mich erzählen?

Es ist schwierig sich so vorzustellen, dass es klingt wie ich wirklich bin.
Womit fange ich da an? Na vielleicht mit der Geburt?

Ich bin ein Kind der 70er-Jahre, geboren ziemlich am Ende. Aufgewachsen im elterlichen Haus welches neben einem Fluss in einer mittelgroßen Stadt (der Name ist für die Deutschen unaussprechlich) in Niederschlesien liegt.
Im Sommer spielte ich mit meiner Kindheitsfreundin viel am Fluss. Dort bauten wir Brücken aus Steinen. Im Winter habe ich Katharina Witt „nachgetanzt“, nur ohne Schlittschuhe. Wir bauten Häuser für unsere Schnecken. Wenn jemand ein Gummi aus alten Unterhosen zusammen frickelte freuten wir uns Gummitwist zu spielen. Wir kletterten auf Bäume und übten die Athletik bei einem Steinmetz wo wir auf die Steine sprangen. Wir nahmen Musik aus dem Radio auf Kassetten auf, und übten die Songtexte auswendig wie Hymnen. Und vor allem bewunderten wir die fremde westliche Welt, wo es alles gab, wovon wir nur träumen konnten. Meine Kindheitsfreundin war etwas glücklicher, da ihr Vater in Österreich arbeitete. Sie trug als erste von unserer Straßenbande die Leggins, die Schlittschuhe hatte sie auch und vieles mehr. Sie war die Schönste. Als die Kiwis nach Polen kamen wussten wir nicht, wie wir die essen sollten. Wir sammelten die Bonbon-Papierchen um diese am nächsten Tag in der Schule mit anderen Kindern zu tauschen und um unsere Sammlung zu zeigen. Als Ersatz für ein Sammelalbum mit Klebebildern, da wir keine Paninni kannten.

Ich kann mich noch gut erinnern, als ich mit meiner Mutter und meinem fünf Jahre älteren Bruder in einer Schlange hintereinander standen um ein Stück Butter zu kaufen. Jeder konnte nur ein Stück Butter kaufen. Wir hatten danach Zuhause ein Fest! Butter! Für den Fiat 125p mussten wir vier Monate warten. Jeden Morgen ist mein Bruder 6 km mit dem Fahrrad (auf dieses haben wir auch ca. 1 Monat lang gewartet) gefahren nur um zu unterschreiben, dass wir noch interessiert sind. Der „Maluch“, so wurde der Fiat bei uns genannt, war Luxus pur, und obwohl wir die Knie bis unter dem Kinn hatten freuten wir uns über die neidischen Blicke der Nachbarn. Meine Kindheit roch nach Tomaten und geschlachteten Hühnern. Tomaten hatten wir im Überfluss, da die elterliche Gärtnerei bekannt war für die Züchtung von Tomaten. Selbstversorger nannten wir uns.

Ich bin mit Verboten und Pflichten groß geworden. Jegliches extra, quasi alles was nicht zum Überleben diente, wurde als unnötig empfunden. Meine Kindheitspflichten haben aus mir einen Menschen mit Bewusstsein gemacht.  Die „Popcorn“ und „Bravo“ Zeitungen, welche ich von meiner Freundin bekam las ich heimlich, und als ich mein Zimmer mit Plakaten von „New Kids on the Block“ tapezierte, bekam mein Vater die Krise seines Lebens, weil die Wand nicht atmen könne! Dann kam Robta co chceta und lernte die Welt der anderen Musik kennen. Ich trug viel zu große Pullis von meinem Vater. Ich besaß eine Jeanshose, die ich mir jedes Mal nach dem Waschen enger nähte, jede Menge selbstgemachter Ketten und Schweinelederschuhe.

An alles Glaubende, mit Gott sprechende und immer nach dem Gott suchende. Diese Eigenschaften sind mir bis heute von meiner Jugend geblieben. Geprägt von Angst vor der Arbeitslosigkeit die grade in meiner Heimat herrschte, wusste ich schon in der Grundschule, dass ich studieren werde, um nicht die Straße kehren zu müssen. In der Ausbildung zur Sekretärin lernte ich was Liebe, Vivisektion, Shakespeare, Fotografie und Schönheit der Berge ist. Und als meine Mutter erfahren hatte, dass ich Pädagogik studieren möchte, kommentierte sie nur: „wer braucht denn so was?“ Ob ich nicht etwas Vernünftiges wie Ökonomie studieren könnte um später als Buchhalterin arbeiten zu können. So wie sie damals. So was Abstraktes wie Pädagogen braucht ihre Welt nicht! Aber ich hatte von Zahlen keine Ahnung, entweder Pädagogik oder gar nichts. Dann gehe ich lieber auf die Straße um sie zu kehren. Im zweiten Semester bekam ich meinen Sohn Milosz. Nach meinem Lieblings Poet genannt. Ich wusste damals noch nicht wie das ist eine Mutter, eine Partnerin bzw. Frau und eine Studentin zu sein. Und überhaupt hatte ich keine Vorstellung von meinem Leben, aber löwenartig war ich schon immer. Breitlachend aber sarkastisch, nicht konsequent, ungeduldig, schlecht kochend, unordentlich so zeigte ich mich als junge Frau. Kurz nach der Geburt von meinem Sohn verlor ich auch meine Kindheitsfreundin, die in der gleichen Zeit wie ich schwanger war. Tatsächlich trotz vieler Hindernisse, schweren privaten Schicksalen, vielen zugedrehten Rücken und keinem Glück in der Liebe widmete ich mich meiner Magisterarbeit (ich wollte auf gar keinem Fall mit kleinem Kind die Straße kehren und ein Putzteufel bin ich auch nicht) und wurde Berufsberaterin und Arbeitsvermittlerin im Fach der Pädagogik.

Meine Arbeit fand ich sofort im Arbeitsamt als Berufsberaterin. Ich liebte und lebte für meine Arbeitslosen, obwohl ich selbst an der Grenze zum Hungertod lebte. Wie das Schicksal so ist, in einem schlimmen und aussichtslosen Moment für mich bekam ich einen leichten Job in Deutschland vermittelt. Jemand suchte 24 Stunden Betreuung für alte Menschen. Das war die Chance zu fliehen weit weg und neu anzufangen. Endlich aufatmen und die westliche Welt aus dem Fernsehen kennenzulernen. Ich wagte mich und kam mit 5 Euro in der Tasche nach Aachen. Ich besaß weder die Adresse der Familie noch den Namen. Und ich sprach kein Deutsch. Von dem ersten Lohn kaufte ich mir eine gebrauchte Fotokamera, ein Kindstraum.

Meine Suche nach Liebe habe ich auch hier in Deutschland nicht aufgegeben und ich musste nicht weit weg suchen. Ich lernte einen typisch Deutsch aussehenden, fast ausgehungerten, zukunftslosen Nachbarn kennen, den ich ein halbes Jahr später trotzt Familienspekulationen, trotzt mehreren gestellten Beinen, trotz Ungewissheit und ohne Nichts unter 20 Zeugen heiratete. Ihm habe ich mit der Liebe zur Fotografie und Bergen angesteckt. Der erste Mensch der an mich glaubte und mich liebte so wie ich bin. Er zeigte mir eine Welt wo es Snickers zu besonderen Anlässen oder einfach auch mal so gibt. Wir hatten uns, meinen Sohn, einen Hund, paar Teller, zwei Töpfe und viel Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Unser erster Umzug fand mit einem Bollerwagen statt. Dank ihm wurde ich auch zur leidenschaftlichen Sammlerin.

In der Ausbildung zur Altenpflegerin lernte ich erstmal wie die Deutschen so ticken und ich staunte, dass es auch hier Armut gibt, aber hauptsächlich lernte ich die deutsche Sprache. Da ich mich selbst so schlecht angeleitet fühlte absolvierte ich ein Jahr nach meiner Ausbildung die Weiterbildung zur Praxisanleiterin. Die Dankbarkeit der alten Menschen, die guten Worte, trotz Krankheit, trotz Schmerzen und Gebrechlichkeit füllten mein Leben bis zur Erschöpfung. Die hochmotivierten Auszubildenden gaben mir dem Mut in eine Schule zu Unterrichten um mich dort zu verwirklichen.

Heute immer noch untalentiert aber lautsingend, vor allem die Geschreimusik!
Heute immer noch mit dem Nachbarn verheiratet, mittlerweile bin ich Mutter der Drachen (3 Yorkshire-Terrier Mischlinge).

Ich träume mein Leben lang und lebe für meine Träume.

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